Preface

Berlin, Lichtenberg, Đồng Xuân Center (deutsch: Dong Xuan Center), 2 Grad Celsius. Auf dem Platz vor Halle 8 hat sich über Nacht ein dicker Teppich Schnee auf dem Asphalt festgesetzt. Auch am Samstagmorgen 15.02.2025 fallen Flocken, als der Platz sich füllt, erst langsam, dann rasch. FFP2-Masken werden herumgereicht, Wasserflaschen angekarrt, Bananen weitergegeben. Schilder in Vietnamesisch und Deutsch sind dem Himmel entgegen gestreckt, auf der einen Seite mit “Đã quên Nguyễn Văn Tú và Phan Văn Toàn rồi sao?”, auf anderen mit “Nguyễn Văn Tú und Phan Văn Toàn – Schon vergessen?” bedruckt. Aus dem Kofferraum eines Autos brettert die Hymne “Các bạn đứng nghiêm” der vietnamesischen Punkrock-Band Gỗ Lim. Mittlerweile sind Hunderte versammelt, um sich dem Partei-Wahlstand der AfD auf dem Gelände des Đồng Xuân Center zu widersetzen, und im Takt der M8, M10, M21-Straßenbahnen werden es mehr: Việts vom Kindes- bis Rentenalter, Mütter mit Kind, ältere Ehepaare, Nachbar*innen im Kiez, Freundesgruppen, solidarische Communities, Vereine, Gruppen und Netzwerke. Wenig später vibriert die Luft vor “Hände weg vom DXC, CÚT ĐI, AFD!”-Sprechchören, während diese ein paar Meter weiter von einer Polizeikette abgeriegelt ihr blaues Zelt aufbaut.

Als wenige Tage zuvor die Nachricht vom Plan von Beatrix von Storchs (stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag) Wahlkampfbüro die Runde machte, sich von 10 bis 12 Uhr im Đồng Xuân Center aufzustellen, verbreitete sie sich innerhalb weniger Stunden wie ein Lauffeuer. Entdeckt hatte sie jemand im Berliner Kurier, unscheinbar zwischen den Kacheln eines doppelseitigen Kreuzworträtsels abgedruckt. Doch nicht nur die Nazi-Erbin Beatrix von Storch sollte dort auftreten – sie sollte sich Schützenhilfe von der hessischen AfD-Politikerin Anna Nguyen (oder wie im Aufruf abgedruckt “Anna Ngyuen”) heranholen. Diese wurde aus Hessen eingebucht, um dem Wahlstand ein vietnamesisches Gesicht zu geben. Kollektive Wut brannte auf, dass die Rechten und Anna Nguyen planten, dort auf Stimmenfang zu gehen – ein Ort, der in unserer Stadt unvergleichlich für unsere Geschichte, ihre Kämpfe, unser Zuhause steht. Es ist der Markt, der vietnamesische, chinesische, indische, pakistanische, afghanische, polnische Geschäfte in der Stadt versorgt. Es ist der Ort, an dem die Vulnerabelsten in unserer Community ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt haben.

Gleichzeitig wussten wir, dass unsere Community nicht nur heterogen, sondern auch von rassistischen und konservativen Haltungen nicht frei ist. Migrationserfahrungen machen nicht immun gegen die Versprechungen rechter Wahlinhalte und menschenfeindlichen Law&Order-Fantasien. Wir sagen hier mit Deutlichkeit, dass die AfD nicht die einzige Partei mit rechtem Wahlprogramm ist. Die Abschiebung von Migrant*innen und Geflüchteten, das organisierte Sterbenlassen an europäischen Außengrenzen durch das Aushebeln des Asylrechts, der ungebremste Ausbau der Polizeibefugnissen, das Überwachen, Kriminalisieren und behördliche Schikanieren von migrantischen Orten und Menschen als “Lösung” für soziale Problemen und Krisen, welche die kapitalistische Ausbeutung von Menschen und Ressourcen hervorbringen – all das ist Politik, die von CDU/CSU, SPD, FDP, die GRÜNE in den vergangenen Jahren vorangetrieben wurde. Sie wird sich in Zukunft verschärfen, erst recht, je weiter sich die Politik der AfD als Normalität durchsetzt. Wir sahen also, dass der Wahlstand kein strategischer Fehler der AfD war. Er sollte ein Testfeld sein, wie weit und normalisiert sich Beatrix von Storch zwei Stunden lang an einem Ort wie dem Đồng Xuân Center ausbreiten und konservative Stimmen aktivieren konnte. Dass Anna Nguyen nach eigenen Aussagen zuvor noch nie vom Đồng Xuân Center gehört hatte, erfuhren wir erst später. Diese Absurdität ist jedoch höchstens eine Fußnote wert, ging es uns doch um den Widerstand gegen die Politik, für die sie und ihre Partei steht.

Während die AfD mit der Polizei ihren Wahlstand koordinierte, liefen in unserer Community die Handys heiß. Innerhalb weniger Stunden bildete sich ein breites Netzwerk aus Community und Verbündeten. Es bildeten sich mehrere Gruppen in Berlin und deutschlandweit, jede davon mit einem eigenen Aktionsradius. Gemeinsam hatten wir, dass wir die verschiedenen Ansätze parallel zueinander umsetzen und das Handlungspotenzial vervielfachen wollten. Außerdem stand von Anfang an fest, dass die Protestformen die Mehrgenerationalität unserer Community abbilden sollten. So wurden sämtliche Materialien und Aufrufe stets in Deutsch und Vietnamesisch veröffentlicht, um die Sprachbarrieren, mit denen unsere Communities aufgrund rassistischer Strukturen seit jeher konfrontiert ist, abzubauen. Einige konzentrierten sich auf die Aufklärungsarbeit innerhalb der Community durch informatives Videomaterial. Wieder andere wollten sich dem Wahlstand durch eine Demonstration vor Ort widersetzen.

Viele von uns sind seit Jahren und länger politisch aktiv. Für uns war es dennoch das erste Mal, eine Demo zu organisieren, in der unsere vietnamesische Community im Zentrum steht. Unter uns gab es viele, die auf die Gelegenheit warteten, geeinigt für eine politische Sache zusammenzukommen, Gründe dafür gab und gibt es in diesem System schließlich – wie oben aufgeführt – reichlich. Viele von uns sind Kinder von ehemaligen Vertragsarbeiter*innen und Bootsgeflüchteten, andere kamen im jungen Erwachsenenalter über Arbeits- und Bildungsmigrationswege nach Berlin. Die Spuren kolonialer Kriege, Fluchterfahrungen, Abschiebepolitik und rassistischem Terror sind in unseren Leben spürbar. Sie haben Abdrücke in den Biographien unserer Familien hinterlassen und stecken uns noch immer in den Knochen. Wir blicken mit Stolz auf die Kämpfe, welche die ältere Generation in ihren Bleiberechtskämpfen bis 1997 im Nachwendedeutschland ausgetragen hat. Wir sind zugleich wehmütig, dass dieses Vermächtnis in unserem Community-Alltag wenig spürbar ist. 

Wir sehen die Gründe nicht darin, dass die Dringlichkeit, sich den rassistischen Kontinuitäten entgegenzustellen, nachgelassen hat, im Gegenteil. Wie aktuell (Februar 2026) am Beispiel der vietnamesischen Pflege-Azubis in Altenburg sichtbar, bedeutet der Dauerzustand “Fachkräftemangel” in Deutschland damals wie heute: das Heranholen von vietnamesischen Arbeitsmigrant*innen, die in einem System von Ausbeutung, Unterbezahlung, ausbleibenden Gehaltszahlungen, unwürdigen Wohnverhältnissen, rechtlicher Grauzonen und Handlungsunfähigkeit landen. Wer nicht mitmacht, wird entlassen, aus dem Zuhause geschmissen, auf Polizeiakten für die nächste Abschiebewelle vornotiert, während Behörden konzentriert wegschauen, wenn vietnamesische Vermittlungsagenturen ordentliches Gehalt und Einbürgerung nach drei Jahren in Deutschland versprechen und damit Unsummen an Geld einnehmen. Was sich “Fachkräfteeinwanderungsgesetz” nennt, ist ein System, in dem Angst und Unsicherheit kapitalistisches Kalkül ist, um die Arbeitskraft der Azubis Profit maximierend deutschen Betrieben zuzuführen und die Menschen dann fallen zu lassen. 

Wir sehen die jetzige Situation und die vergangenen Kämpfe daher als Aufruf, dass sich unsere Community stärker organisieren muss: über Generationen, Identitäten, Privilegien und Statushierarchien hinweg. Die Demo sollte daher auch eine Brücke zwischen den Generationen von vietnamesisch-diasporischen Kämpfen bauen.

Als wir also vor Halle 8 im Đồng Xuân Center standen, waren wir erleichtert und glücklich über das Geschaffte: Hunderte Menschen waren gekommen, um gegen die AfD-Präsenz und ihr Programm zu protestieren. Es war ein Zeichen der widerständigen Kraft unserer Community und zugleich die erste Demo für vietnamesische Belange im Đồng Xuân Center , wie uns später ein chú, der damals die Bleiberechtskämpfe miterlebt hatte, in stolzer Anerkennung sagte. Es wurden Reden von Menschen aus unserer Community gehalten, sie waren kämpferisch, laut, verletzlich, zweifelnd, entschlossen, mutig. Zuvor noch nie in der Community geteilte Geschichten, politische Analysen und Haltungen bekamen Raum. Wo unsere Stimmen sonst oft auf Ignoranz stoßen, fanden sie unter uns Gehör. Viele der Anwesenden bekamen, so wie wir, Tränen und hielten sich während und nach der Demo in den Armen. 

Dieses Zine soll eine Fortsetzung unserer Vision auf anderem Wege sein. Die Demo brachte unsere Anliegen im Herzen unserer Community, dem Đồng Xuân Center, in die Öffentlichkeit, lautstark und unmittelbar. Nun wünschen wir uns, dass das Zine auf eine zugängliche Art nachhaltig Gedanken anstößt, die wir für zukünftige Dialoge brauchen werden. Das Zine ist nicht als leeres Zelebrieren der Demo sondern widerständiger Archivbeitrag viet-deutscher Geschichte gedacht: es lebt von der Community, also euch – davon, dass ihr es lest, weiterreicht, miteinander darüber sprecht, auch kritisch, um gemeinsam in Bewegung zu sein. Wer nach einer Einstiegshilfe für Gespräche mit eurer Familie, Freund*innen oder Menschen aus der Community gesucht hat, hat mit dem Zine hoffentlich etwas Hilfreiches an der Hand. Und wenn euch die (welt-)politische Lage überfordert, möge dieses Zine als Erinnerung daran dienen, dass wir in diesen Zeiten mehr – und nicht weniger – zusammenkommen müssen.

Solidarische Grüße,

das Archiv-Team der “Hands Off DXC”-Demo