Trầu cau ist ein wichtiges symbolisches Zeichen für Beginn, Verbindung und Zustimmung in vietnamesischer Kultur. Das Anbieten von Betel bleibt bis heute noch ein zentraler Bestandteil sozialer Interaktion – insbesondere als Einstieg in wichtige Gespräche oder Verhandlungen. Es markiert den Moment, in dem aus Begegnung Beziehung wird.
Als Person der 1.5. Generation, die in der Sozialen Arbeit und im Aktivismus tätig ist, landet Bún Chả automatisch in den unterschiedlichsten generationenübergreifenden Konfliktfeldern innerhalb der vietnamesischen Diaspora– Community. An kaum einem Arbeitstag kommt Bún Chả an diesen Themen vorbei, ohne mit mindestens einem davon konfrontiert zu sein.
Durch der mittlerweile fünfjährigen Auseinandersetzung mit der vietnamesischen Community hat sich nicht nur das Verhältnis zu vietnamesischer Identität verändert, sondern auch der Blick auf das Đồng Xuân Center – einer der ersten Arbeitsorte in Berlin von Bún Chả und zugleich einer der meistkriminalisierten Orte vietnamesischen Lebens in den deutschen Medien.
Vor der Bundestagswahl im Frühling 2025 beobachtete Bún Chả aufmerksam die sozialen Medien:
● In Việt Nam die Kritik an radikal–nationalistischen Narrativen anlässlich des 50. Jahrestags der Wiedervereinigung.
● Innerhalb der jungen politisierten und weltweit vernetzten Vietnames*innen den zunehmenden Internationalismus bzw. die globale Solidarität (Gaza, Kongo, Sudan…)
● In Deutschland Fake News, gesellschaftliche Verunsicherung, die spürbare Gefahr eines Rechtsrucks in vielen Bundesländern sowie zunehmende finanzielle Kürzungen im sozialen Bereich und verschärfte Grenzkontrollen.
All das fügte sich für Bún Chả zu einem Weltbild zusammen, das deutlich machte, wie weit sich gesellschaftliche Diskurse verschieben – auch innerhalb der Community der 1. Generation. Und wie sehr migrantische Communities zunehmend ins Visier rechter Medien und politischer Akteur*innen geraten.
Nem Chua dachte in dem Moment, vielleicht auch weil wir einander besser Zuhören, wenn unser Mund mit Kauen beschäftigt ist…
Nem Chua ist ein wenig aufgeregt, denn Nem Chua kennt chú Súp Lươn nicht gut und hat insgesamt wenig Berührungspunkte mit der älteren 1. Generation. Als 2. Generation ist Nem Chua geprägt von intergenerationalen Konflikten, Distanz und dem Verlust
von Sprache und Sprechbarkeit innerhalb der Familie und der vietnamesischen Community und gleichzeitig auf der Suche nach kollektiven Erinnerungen, Verbindungen und politischer Befähigung innerhalb der Community.
Es ist allerdings das erste Mal, dass Nem Chua an einem Tisch mit einer älteren Person der 1. Generation sitzt und tatsächlich mal über politische Themen sprechen wird. Denn deren Vietnamesisch ist nicht sehr gut und das verunsichert Nem Chua. Gleichzeitig
ist es eine große Erleichterung, dass chú Súp Lươn selbst das Gespräch gerne auf Deutsch führen möchte. Er stellt sich erstmal kurz vor, wer er ist und was er macht, kommt dabei aber auch schnell auf den Gegenprotest vom 15.02.25 zu sprechen.
Dieser Gegenprotest auf dem Gelände des Đồng Xuân Cenrers war vielleicht eines der wenigen Ereignisse, bei denen die 1., 1.5 und 2. Generation in einem politischen Moment gemeinsam in dieselbe Richtung gegangen sind.
— “Als ihr letztes Jahr hier mit der Gegendemo gewesen seid, hat es mich sehr positiv überrascht, dass ihr so engagiert seid. Und ich war an der Front an der Demo vielleicht etwas zurückhaltend, aber unterstützend da, sodass ich euch beobachten und hören konnte und ggf. unterstützen konnte. Ich freue mich sehr, dass ihr das [Ereignis] auch nicht vergessen habt und es auch archivieren möchtet,” so chú Súp Lươn.