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Orga-Statement

Liebe Geschwister, liebe Eltern, liebe Tanten und Onkeln und liebe Community,

wir sprechen hier als Organisator*innen der Kundgebung „Kein Platz für die AfD auf dem Đồng Xuân Center“ und möchten einige Worte an unsere Community richten.

Der Gegenprotest hat viel angestoßen – viele Menschen aus unterschiedlichen Altersgruppen sind auf uns zugekommen und haben sich bei uns bedankt für unseren Mut und für das Sprechbar–Machen ihrer Erfahrungen. Gleichzeitig wird auf Social Media und in der Berichterstattung viel über Politik geredet und Misinformation über unseren Gegenprotest verbreitet, von Menschen, die selbst vor Ort waren, aber auch von Menschen, die gar nicht da waren.

Wir wollen hiermit unsere Perspektive mit euch teilen:

1. Wer sind wir?
2. Warum haben wir einen Gegenprotest organisiert?
3. Was ist am Tag passiert?
4. Wie geht es weiter?

1. Wer sind wir?

Wir sind eine Gruppe von Einzelpersonen und Gruppen, die sich spontan zusammengefunden hat. Wir sind Teil der vietnamesischen Diaspora in
1. Generation, 1.5 Generation und 2. Generation. Einige sind hier als Kinder vietnamesischer Migrant*innen geboren, einige sind vor langer Zeit und einige erst vor kurzem nach Deutschland gekommen.

Wir sind als Individuen und Gruppe gut organisiert, weil wir seit Jahren gegen anti–asiatischen Rassismus und zu vielen weiteren Themen der sozialen Gerechtigkeit kämpfen. Wir haben enge Verbindungen in unsere Communities, arbeiten gemeinsam mit Institutionen, Initiativen und Vereinen auf Community–Ebene.

Gleichzeitig ist es für uns das erste Mal, dass wir eine Kundgebung ausdrücklich von und für Vietnames*innen organisiert haben. Initiativen wie die Vereinigung der Vietnamesen in Berlin & Brandenburg e.V. standen uns in diesem Prozess unterstützend zur Seite und befürworteten unser Vorhaben eines Gegenprotests von Beginn an. Auch wäre ohne die kurzfristige Zusammenarbeit mit dem Đồng Xuân Center Management die Kundgebung auf dem Gelände des ĐXC nicht möglich gewesen.

Uns ist es wichtig zu betonen, dass wir die Kundgebung unabhängig von der Partei „Die Linke“ organisiert haben und nicht in ihrem Namen gesprochen haben – die Initiative dieser Kundgebung ging aus unserer Community hervor.

Wir hatten durch Community–Kontakte Unterstützung von einem Anwalt, der uns als Einzelperson durch rechtliche Beratung zur Seite stand. Er hat auf unseren Wunsch die Demonstration angemeldet und uns bei der Organisierung der Kundgebung die Kommunikation mit der Polizei abgenommen.

Er ist Mitglied bei der Linkspartei und trug eine Sicherheitsweste mit deren Logo. Zusätzlich kamen weitere Teilnehmende aus dem Kreis der Linkspartei zu unserer Veranstaltung.

Dennoch sind weder „Die Linke“ noch Vereine wie „korientation e.V.“ die Organisator*innen der Kundgebung. Diese Narrative weisen wir deutlich von uns.

2. Warum haben wir einen Gegenprotest organisiert?

Wir erfuhren vor einer Woche am Dienstag (11.02.25) davon, dass die AfD einen Stand im Đồng Xuân Center aufstellen möchte, um auf Stimmenfang während des Wahlkampfes zu gehen. Diese Nachricht verbreitete sich rasant innerhalb unserer Community und hat enorm viel Aktionspotenzial in Gang gesetzt. Wir waren aufgebracht und wütend, dass diese Partei ausgerechnet in unserem Zuhause für ihre rassistische Politik wirbt.

Für uns ist klar: die AfD hetzt gegen uns, gegen unsere Eltern, gegen unsere Community. Sie hetzt gegen die Menschen, für die das Đồng Xuân Center ein wichtiger Ort des Lebens darstellt.

Sie verfolgt eine Politik, die den Schmerz unserer kollektiven Erfahrung hervorruft: die Brutalität von Abschiebungen, die rassistischen Angriffe und Hassgewalt, die Diskriminierung im Jobcenter, der Ausländerbehörde, im Schul– und Bildungssystem. Die Angst und Wut darüber, dass sich nichts verbessert hat, und sich stattdessen die Geschichte wiederholt: dass viele immer noch nicht wählen dürfen, ihr Aufenthalt von diesem Land verwehrt wird, dass die deutsche Gesellschaft das Leben von Migrant*innen und Geflüchteten schwer macht, durch die Bürokratie von Kettenduldungen, befristeten Aufenthaltsbewilligungen, Residenzpflicht, verweigerter Arbeitserlaubnis.

Die rassistische Gewalt von Rostock–Lichtenhagen (1992), Hoyerswerda (1991) und in der Havemannstraße (1991/1992) haben wir nicht vergessen. Ebenso nicht die Morde gegen Menschen wie wir.

Einige ihrer Namen sind:

– Nguyễn Ngọc Châu & Đỗ Anh Lân (1980, Hamburg)

Am 22. August 1980 zündeten Mitglieder der rechtsextremen „Deutschen Aktionsgruppen“ ein Wohnheim für vietnamesische Geflüchtete an. Nguyễn Ngọc Châu und Đỗ Anh Lân starben an den Folgen des Brandanschlags. Es war einer der ersten rassistischen Mordanschläge in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945.

– Nguyễn Văn Tú (1992, Berlin, Marzahn)

Der 29–Jährige wurde am 24. April 1992 in Berlin von Neonazis angegriffen. Der Täter zog dabei ein Messer und stach Nguyễn Văn Tú tödlich in die Brust. Ein Freund des Täters holte sogar noch Verstärkung, heute sitzt der Freund als AfD–Bezirksabgeordneter im BVV Marzahn–Hellersdorf.

– Nguyễn Tấn Dũng (2008, Berlin, Marzahn)

Der 19–Jährige Nguyễn Tấn Dũng wurde am 06. August 2008 von einem Rassisten angegriffen und zu Tode erstochen. Am Vortag wurde er bereits vom Täter beschuldigt und bedroht. Dieser rief vor seiner Tat bei der Polizei mit den Worten: “Regelt ihr das oder muss ich das selbst erledigen?” an, die ihn wiederum dazu ermunterte Nguyễn Tấn Dũng festzuhalten.

Die AfD pflegt enge Kontakte zu denen, die in den 1990ern und bis heute noch für die Angriffe gegen unsere Häuser und Morde gegen unsere Menschen verantwortlich sind. Ihre Partei wird vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall für Rechtsextremismus eingestuft, da sie im Zentrum eines Netzwerks von rechtsextremen Personen, Organisationen und Kader steht.

Wir sehen die Kontinuitäten von anti–migrantischer Politik, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Wir standen somit nicht nur als Organisatorinnen der Kundgebung vorne – die rassistische Politik, für die die AfD steht, hat Spuren in unseren eigenen Familienbiographien hinterlassen. Aktuell betrifft es vor allem arabische Migrantinnen und Geflüchtete, die in den Medien pauschal als kriminell angesehen werden, obwohl die Statistiken zur Kriminalität das Gegenteil beweisen. Es erinnert uns daran, wie unsere Elterngeneration vor 30 Jahren in diesem Land als kriminell angesehen wurde, obwohl wir wissen, dass die Probleme vom unsicheren Aufenthaltsstatus und fehlenden Bildungs– und Arbeitsmöglichkeiten rührten. Die AfD bedient sich dieser medialen Verzerrung, um gegen Migrant*innen zu hetzen – und deswegen haben wir diese Kundgebung organisiert.

Wir haben es geschafft, innerhalb von vier Tagen unsere Kräfte zu bündeln und haben neben unserer Arbeit Tag und Nacht organisiert, telefoniert, E– Mails geschrieben und Reden verfasst. Für uns war es besonders wichtig, dass alle Reden und die Moderation auch auf Vietnamesisch gesprochen werden, weil wir wissen, dass nicht alle Menschen in unserer Community gut Deutsch verstehen. Unter den Reden waren viele Geschichten und Erfahrungen, von denen wir ausgingen, dass sie noch nie in einer Demonstration geteilt wurden, und wofür noch nie die Worte gefunden wurden.

3. Was ist am Tag passiert?

Am Tag der Kundgebung teilte die Polizei uns mit, dass sie uns den Platz vor Halle 8 zugewiesen hatten. Die AfD baute ihren Stand vor Halle 2 auf. Zwischen ihrem Stand und unserer Kundgebung lag also ein großer Abstand, den die Polizei zusätzlich mit einer Polizeikette abriegelte.

Wir starteten unsere Kundgebung mit Moderation und Redebeiträgen auf Deutsch und Vietnamesisch um 10:15 Uhr. Darin erklärten wir, warum wir diese Kundgebung im Đồng Xuân Center organisieren. Wir baten die Teilnehmenden darum, das Treiben dort nicht zu stören und sich nicht auf unnötige Provokationen mit der AfD einzulassen. Unsere Ordner*innen unterstützten uns dabei, diese Intention umzusetzen. Wir starteten die Kundgebung mit rund 300 Teilnehmenden.

Es folgten mehrere Redebeiträge und Gedichte. Diese brachten viele Emotionen mit, die wir in uns trugen und auf der Kundgebung Ausdruck verliehen. Dort teilten wir eigene Erfahrungen, kollektive Erfahrungen unserer Eltern und jener, die erst seit kurzem in Deutschland angekommen sind. Wir sahen, wie die Teilnehmenden unserer Kundgebung berührt waren von all dem Gesagten und Übersetzten. Einige weinten und sprachen auch mit unseren Ordner*innen, wie sehr es sie berührte, uns hier sprechen zu sehen und wie stolz sie auf uns seien.

Um etwa 10:45 Uhr setzte sich ein Teil der Teilnehmenden ab und rief zu einer Spontandemonstration gegen den AfD–Stand auf. Sie meldeten diesen Protest vor Ort bei der Polizeikette an und versammelten sich vor der Polizeikette und protestierten lautstark gegen die Präsenz der AfD. Aufgrund der Mobilisierung von verschiedenen Gruppen im Vorfeld, mit denen wir nicht in Kontakt standen, gingen wir davon aus, dass es verschiedene Protestformen an diesem Tag geben wird. Wir baten die Teilnehmenden daher, dennoch bei unserer Kundgebung zu bleiben, und diejenigen, die die Spontandemo angemeldet hatten, sowie diejenigen, die zu ihr stießen, Rücksicht auf das ĐXC und die Menschen zunehmen. Daraufhin führten wir unser Programm fort.

Zudem verteilten wir Flyer auf Vietnamesisch, die im Vorfeld der Kundgebung in der Community erstellt wurden, und in denen über die rassistische Politik der AfD aufgeklärt wird.

Um 12:00 Uhr baute die AfD ihren Stand ab. Die Spontandemonstration an der Polizeikette endete somit ebenso. Wir führten unser Programm bis 12:15 zu Ende und erklärten unsere Kundgebung für beendet.

4. Wie geht es weiter?

Viele von uns sind ermutigt und motiviert, zukünftig mehr politische Arbeit zur Situation von vietnamesischen Migrant*innen zu machen. Es besteht der Wunsch, einen Dialog in Gang zu setzen: zwischen verschiedenen Perspektiven, Generationen, Migrationserfahrungen, Sprachkenntnissen und gesellschaftlichen Positionierungen innerhalb unserer Community. Dies ist mit der Kundgebung und den Verbindungen, die von der Community in die Organisierung der Veranstaltung eingeflossen ist, bereits in Ansätzen passiert. Gleichzeitig kann das nur der Anfang gewesen sein und das gibt uns Tatendrang, mehr Begegnungsräume wie die Kundgebung zu schaffen.

Zum jetzigen Stand ist offen, wie unsere Zusammenarbeit weitergeht. Zunächst werden wir miteinander sprechen und gemeinsam emotional verarbeiten, was in den vergangenen Tagen hochgekommen ist, denn dafür fanden wir in der Eile keinen Raum.

Wir ziehen uns nun vorerst zurück und überlegen, wie wir das, was durch die Kundgebung sichtbar geworden ist, der Community zugänglicher machen und nachhaltig archivieren können.

Wenn ihr Fotos und Videomaterial von der Kundgebung zur Dokumentation habt, schickt sie uns gern per E–Mail. Sollten wir Material veröffentlichen wollen, werden wir selbstverständlich eure ausdrückliche Einwilligung dafür einholen. Weitere Gesichter werden wir ohne Einwilligungen der Personen zensieren.

Wir können leider keine zeitnahe Rückmeldung versprechen.
Wir danken allen, die uns bei der Vorbereitung der Kundgebung unterstützt haben.

Das Orga–Team der Kundgebung
„Kein Platz für die AfD auf dem Đồng Xuân Center“

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