Damals Kolonialisierung, Krieg, Spaltung, Flucht
Boat People, Vertragsarbeiterinnen, Gastarbeiterinnen,
Heute, Neuankommen
Überarbeitete Pflegekräfte, Fachkräfte, Azubis,
Eine Welle von Care-Arbeiterinnen, Geflüchteten, Frauen und Kindern,
Nerven gegen Bürokratie.
Träume gegen Ausländerbehörde.
Fachkräftemangel. Familiennachzug.
Wir sind Zahlen auf Papier.
Nie genug. Immer zu viel.
Versicherungsbeiträge zahlen,
aber keine Behandlung bekommen.
Aufenthaltstitel. Erschöpfung. Sprachlosigkeit.
Generation für Generation.
Vorbilder. Musterschüler*innen.
Wirtschaft. Energie. Mehr Geld für Waffen.
Kriege. Bwegung. Flucht. Migration.
Duldung. Asyl. Aufnahmeeinrichtung.
Kindergarten. Jugendamt. SPZ.
Gewalt. Schuld. Migration. Ausgrenzung. Abtreibung.
Sprache trägt Gewicht. Sprache trägt Erinnerungen. Vietnamesisch war nie sanft. Deutsch auch nicht. Manchmal sind die Worte, die wir mit uns tragen, gefüllt mit Wunden, die sich nicht schließen. Die Art, wie wir Worte formen, spiegelt wider, was wir erlitten haben, woran wir wachsen. Manche Sprachen haben uns nie sanft gehalten. Manche nehmen uns den Atem, beschämen uns für den Prozess des Wachsens, fesseln uns an Strukturen von Zerstörung und Ausschluss.
Ich denke an mein Leben, an meine Arbeit, an mein ständiges Pendeln zwischen zwei Sprachen, die so viel Unsichtbares mit sich tragen.
Ich weiß manchmal nicht, für wen ich übersetze, wenn die Erzieherin einem Kind verbietet, seine Muttersprache zu sprechen – in einem Alter, in dem Sprache nicht nur Worte sind, sondern das Fundament für Bedürfnisse, Trost, Zugehörigkeit.
Ich weiß manchmal nicht, für wen ich übersetze, wenn der Ton schneidet, der Blick
erniedrigt, und ich spüre, dass meine Worte nichts ändern werden.
Ich weiß manchmal nicht, für wen ich übersetze, wenn eine Mutter mir flüsternd ihre Geschichte erzählt – allein, erschöpft, festhaltend, was ihr bleibt – und mittendrin das
Urteil fällt: Sie muss gehen.
Wer wird gebraucht, wer darf bleiben?
Wer verschwindet, weil keine Papiere da sind?
Frauen, Kinder, Leben – gestrichen aus Akten, ausgelöscht aus Systemen.
Ich spüre die Angst.
Angst, dass ich zusehen muss, wie Menschen aus meiner Community aus ihrem
Leben gerissen werden. Aus Freundschaften, aus Familien, aus Arbeitsplätzen.
Angst, dass ich meine eigene Geschichte in den Akten des Jugendamts wiederfinde.
Angst, dass wir uns an diese Gewalt gewöhnen.
Angst, dass ich ein Teil von diesem System von Ausgrenzung und Abtreibung bin.
Organisieren und Übersetzen fühlt sich an wie das unaufhörliche Überqueren eines Flusses, der ständig seine Richtung wechselt. Hin und her, wieder und wieder. Ich trage Stimmen. Ich trage Geschichten. Mein Körper biegt sich, gespannt zwischen zwei Ufern, zwei Sprachen, zwei Welten. Und in diesen Räumen, in denen Queerness, Frausein, Überleben und Exil ineinanderfließen, habe ich gelernt: Mein Nervensystem erinnert sich, bevor mein Verstand es tut.
Und während ich mich durch Sprache bewege, hallen die Geschichten meiner Community durch mich hindurch. Die stärksten, sanftesten Worte, die ich je gehört habe, kommen von denen, die ihre Muttersprache kennen, sie aber selten sprechen. Das Stocken, die Fehler, die Unsicherheit. Viele von uns nutzen diese Sprachen, um einander zu rufen, um Befreiung einzufordern.
Ich träume von Räumen, in denen wir atmen dürfen. Wo wir nicht nur überleben, sondern leben. Wo wir unsere Geschichten nicht nur erzählen, sondern neu schreiben. Wo wir uns nicht rechtfertigen müssen für unser Dasein, unser Sprechen, unser Lieben. Ich träume von Händen, die einander halten, von Stimmen, die sich nicht mehr flüstern, sondern laut erklingen. Ich halte inne. Ich lerne, dass auch das Laut Sein ein Akt der Liebe ist: Zu wissen, wann zu bewegen, wann weiterzukämpfen.
Du und ich. Cậu và tớ. Hai ta.
Bọn mình.
Heim. Hier. Heute.
Name. Das Licht im Herbst.
– Bún Chả