“Sorge” ist die Plattenbausiedlung, in der meine Eltern vor 34 Jahren landeten.
Um für die DDR, um für Vietnam, um für uns und ihre Familien zu arbeiten.
Um ihre Mittzwanzigerjahre zu leben. Vier Jahre nach ihrer Ankunft, wurde auch ich Teil der Sorge.
SORGE (2020)
Die Sorge war unsere Heimat aus Watte,
Unsere Traumwelt in der Platte,
Eine Welt, in der wir die Regeln erfanden,
Regeln, die uns ausbrechen ließen
aus dem Leben Dazwischen,
Zwischen Klöße und Phở,
Zwischen Guten Morgen und Cháu chào cô,
Zwischen Ausländerkind und Vorbildstochter,
Zwischen sich beweisen und bewahren
– das Gesicht deiner Eltern,
– die Ehre deiner Familie,
– den Aufenthalt in deinem Geburtsland,
… als Vorzeigekanak!
Die Sorge war unsere Freude,
und anderer Kummer,
für uns, unser Vietnam mit Netto,
für sie, ein lautes und dreckiges Ghetto.
Wir spielten Bulle und Verstecker,
machten die Nacht zu unserem Wecker.
Ab und zu wurde Spiel Realität,
verstecken vor Bullen,
wenn Nachbarn Jugendamt
spielen wollten.
Die Sorge war unser Zuhause,
unsere Schule,
unser Urlaub.
In den Ferien: Zelten vorm Block,
Eltern arbeiten in Tây Đức,
Ihre Heimkehr am Wochenende, was’n Glück!
Dann gab’s:
Nen Euro für jede Eins,
und hier und da 10 Cent für Center Shock!
15 Jahre Feriencamp,
Täglich Tag der Offenen Tür,
Spielen und Spinnen, ohne Manier!
Leben mit Freunden,
Lernen fürs Leben,
Lachen Über-Leben.
Arbeitslosigkeit schuf Selbstständigkeit und
Fernarbeit,
Co-Elternschaft und Zusammenhalt,
und all das für befristeten Aufenthalt!
Egal! Schuften wir bis der Rücken knallt!
Doch der Knall kam unerwartet bald!
BOOM! Erster Block w e g g e s p r e n g t
Freundinnen weggedrängt
BOOM! Zweiter Block weggesprengt
Noch mehr Freunde verdrängt
Unsere Sorge überschattet mit Sorgen,
Kindheit versenkt.
Mit Feuer und Flammen jagten sie uns weg,
und absolut keiner schaute auf den
braunen Dreck.
Unsere heile Welt entflammte mit dem Brand,
Heimat, einfach so gegen die Wand!
Zeit zur Assimilation des “Abschaums”!
Heimat wurde Albtraum.
Mit Krisen und Fragen überquellt:
Warum hier? Warum wir?
Wo ist mein Platz?
Wie heilt mensch diese Welt?
Damals fragte ich wo ist mein Platz, wo ist unser Platz in dieser Welt?
Heute sage ich euch: Genau HIER ist unser Platz!!! Das DX gehört uns!!! Unsere Eltern haben ihren
Arsch dafür aufgerissen, dass wir heute hier sind, und ich schwöre euch wir bleiben hier!
Und zur zweiten Frage: Obviously, mensch heilt die Welt auf jeden Fall nicht mit Angst und Hetze,
wie faschistische Kräfte wie die AfD sie säen.
Und surprise: eine Brandmauer gab es noch nie. Ich erinnere als die tatsächliche Mauer vor mehr als
30 Jahren fiel– haben CDU/CSU, FDP und SPD trotz aller Proteste den sogenannten
»Asylkompromiss« – beschlossen und damit das Grundrecht auf Asyl in Deutschland ausgehöhlt.
Klingt wie neulich, oder?
Und dass alles, noch ohne die Afd!
Schauen wir uns heute die Spiegel- Cover, Zeitungsberichte und Wahlslogans der 90er an, fühlen wir
uns als wären wir in der Zeit stehen geblieben: „Das Boot ist voll“, „Asylmissbrauch beenden“ „Wir
müssen im großen Stil abschieben“. Same, same, but heute sitzen auch die Grünen mit ihrem 10-
Punkte- Plan für mehr Abschiebungen im rechten Boot, in dem Alice Weidel die Möchtegern-
Kapitänin ist. Rassistische Normalität since Otto von Bismarck.
So, sorry für den rant, hallo erstmal,
schön, dass wir heute so viele sind, und gemeinsam füreinander einstehen!
Vor ein paar Jahren schrieb ich dieses Gedicht aus Nostalgie über unseren Block, aber auch aus
Trauer und Ohnmacht. Meine friends und ich haben 2005 einen rechten Brandanschlag gegen
unseren Wohnblock überlebt, der nie als rassistisch und rechts motiviert in die Akten ging, obwohl
der Täter offenkundig seinen Hass gegen Vietnamesinnen bekundete. Und ich weiß nicht wie viele dieser Anschläge noch unter dem Radar geblieben sind, und Überlebende das Recht auf ihre Wahrheit nimmt. In den 90er und 2000er waren rechte Brandanschläge und rassistische Gewalt in Deutschland so normal und Alltag für uns, dass ich sie nicht hinterfragte. Weil sie ja nicht so gemeint, Jugendstreiche, und alles,… … Einzeltäterinnen waren.
Und dieser Terror und diese Gewalt sind die Konsequenzen migrationsfeindlicher Politik und
rassistischer Debatten.
Damals wie heute.
Eine Politik und Medien, die Stimmung gegen Migrantinnen und Geflüchtete machen, die uns alle unter Generalverdacht stellen, die Neonazis ermächtigt uns zu bedrohen, zu beschimpfen, zu boxen, unsere Häuser und Läden anzuzünden… uns zu ermorden, wenn Vater Staat es nicht geschafft hat uns einzuknasten, oder abzuschieben. Und die besorgten Bürgerinnen schauen zu und klatschen. Ach, nee, waren ja nur „alkoholisierte
oder verwirrte Jugendliche“.
Damals wie heute.
Ich erinnere an die Progrome 1991 in Hoyerswerda und 1992 in Rostock- Lichtenhagen.
Ich erinnere an die willkürlichen Polizeikontrollen, Übergriffe und Razzien in vietnamesischen
Wohnheimen.
Ich erinnere an die Brandanschläge und Angriffe auf vietnamesische Geschäfte im Osten in den
2000er Jahren.
Ich erinnere an die Morde an Nguyễn Văn Tú 1992 und Nguyễn Tấn Dũng 2008 in Marzahn-
Hellersdorf, an Phan Văn Toàn 1997, nicht weit von Berlin im brandenburgischen Fredersdorf.
Ich erinnere an den NSU Terror und die Morde seit 2000
Ich erinnere an den Mord an Oury Jalloh im Polizeigewahrsam in Dessau 2005
Ich erinnere an die Brandanschläge und Angriffe auf Wohnheime und Geflüchtete seit 2015
Ich erinnere an die Terroranschläge in Halle 2019, in Hanau 2020
Ich erinnere an die willkürlichen Polizeikontrollen, Übergriffe und Razzien in der Sonnenallee.
Ich erinnere an die unbändige, willkürliche Polizeigewalt und Repression gegen Palästinenserinnen und Menschen, die sich gegen einen Genozid in Gaza seit dem 7. Oktober 2023 einsetzen. … und ich könnte weiter und weiter machen. Gestern waren es im Westen die „kriminellen Türken“, im Osten die „kriminellen Vietnamesen“, Heute die „kriminellen Palästinenser, Syrer und Afghanen“. Checkt ihr’s? Wir sind nicht die Sündenböcke für eure gescheiterte Politik! Und nein, wir wollen auch nicht eure Vorzeigemigrantinnen sein!
Kettenduldungen, befristete Aufenthaltsbewilligungen, Residenzpflicht, keine Arbeitserlaubnis, keine
legalen Fluchtwege, dichte Grenzen, 20 bis 60k um hierherzukommen – Kriminalisierung von
Migration- diese Migrationspolitik produziert selbst die „kriminellen Straftäter“, und tötete mehr als
20.000 Menschen im Mittelmeer seit 2014.
Eins ist klar, egal wie sehr Grenzen „dicht gemacht werden“, und wie viel mehr abgeschoben werden
sollen,
Menschen haben immer ihre Wege gefunden zu migrieren,
werden dafür kämpfen zu bleiben, und Orte, wie das DX, die sie geschaffen haben, zu verteidigen.
Wir sind hier, weil unsere Eltern, sowie auch viele vor ihnen:
türkische Gastarbeiterinnen, koreanische Krankenpflegerinnen sich gewehrt haben,
gegen die erst „Ausbeuten, dann Abschieben“- Logik der BRD und DDR.
Denn auch mit Fleiß, gab’s kein Preis.
Das Bleiberecht haben sie sich mühselig erkämpft!
Heute sehe ich mein Gedicht als Erinnerung an ihre Kämpfe,
als Widerstand gegen eine Politik,
die auf den Nacken von Migrant*innen und Geflüchteten geht,
aber wir lassen uns das Genick nicht brechen,
wir überleben nicht nur, sondern wir kämpfen für ein gutes Leben für alle,
ja alle.